Weihnachten – das Fest des neu geborenen Lebens – aber jetzt zur Osterzeit und auf dem Weg zum Pfingstfest? Ja – immer, würde Eckhart sagen. Es hängt alles zusammen. Ohne Weihnachten kein Ostern und kein Pfingsten und überhaupt kein Christentum! Die Menschwerdung Gottes ist für Christinnen und Christen rund um den Globus von zentraler Bedeutung. Eckhart stellt sie in den Mittelpunkt seiner Theologie. Die Geburt Gottes als Mensch und im Menschen geschieht immer, in jedem Augenblick, sagt Eckhart. Dies macht das Wunder des Lebens, seine heilige Dimension offenbar. Gott wohnt jedem Atemzug, jeder Lebensäußerung der Kreaturen und jeder Existenz von Dingen in der Welt inne.

Mittlerweile haben wir uns an die veränderte Lebensweise mit den Kontaktbeschränkungen angepasst. Obwohl es schmerzt, nicht mit allen Lieben der Familie und mit Freunden zusammensein zu können, ist andererseits mehr Zeit für die Kernfamilie und zum Nachdenken. Buchhandlungen und -versand machten  Weihnachten und darüber hinaus Rekordumsätze. Gottesdienste, wenn sie denn stattfinden dürfen, sind irgendwie intensiver, sehnsuchtsvoller, mit mehr Ruhe und Spannung. Offenheit und Staunen sind dabei, wo sonst manchmal auch Unruhe herrschte. Die Melodien und Texte der Lieder nimmt man trotz Singverbot  bewußter wahr und das Beten ist ehrlicher. Es wird an Menschen gedacht, die nicht mit dabei sein können oder noch immer sehr gefordert sind in den wichtigsten Bereiche der Gesellschaft, der Versorgung, der medizinische Behandlung in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen und in der Pflege.

Weihnachten ist die Geburt des neuen Lebens in Gott. Der Mensch ist zusammen mit der ganzen Schöpfung dazu berufen, in die Ganzheit der Liebe und die Gemeinschaft mit Gott zurückzukehren. Das neue Leben beginnt mit einem neuen zur-Welt-kommen, und gleichzeitig einem Zurückgebähren in Gottes Liebe. Mit der Geburt des Gotteskindes wird die Gotteskindschaft aller Menschen als Schwestern und Brüder Jesu offenbar. Das Leben wird geheiligt. Nach Eckhart muss der Versuch des Menschen, Gottes Willen aus eigener Kraft zu erfüllen, um damit Gnade und Frieden für sich zu erlangen, scheitern. Vielmehr geht es um den Rückzug des Menschen aus seiner individuellen Identität und Zweckorientierung in reines kindliches Unwissen und Urvertrauen, wo er Gott in seiner Seele Platz macht  und er in ihn eingeht. Ausgehend von der „Unheimlichkeit“ – wörtlich „nicht zu Hause sein“, ist es Eckharts Bestreben, zu zeigen, das der Mensch wieder zu einer Verbindung und zur Vereinigung im Sinne von „Ver-heim-lichung“ bei Gott gelangen kann. Denn der Mensch ist von Gott, er ist heilig. Alles, was den Menschen umgibt, das Leben selbst zusammen mit der ganzen Schöpfung ist heilig. Der Lambarene-Arzt und Theologe Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ als Antrieb und Überschrift seines Wirkens. Von unbekannter Hand geschrieben, steht es ganz in diesem Sinne und als Zitat eines bedeutenden Künstlers 700 Jahre nach Eckhart auf dem Meister-Eckhart-Weg in der Nähe des alten Goldbacher Bahnhofs: „Alles ist Kunst“ („- und jeder ist ein Künstler“, Joseph Beuys).