Der Herbst schickt seine Sonnenstrahlen und lässt das letzte Laub noch einmal golden glänzen bei milden Temperaturen. Doch die Tage sind schon kurz und die Sonne steht nicht mehr so hoch am Himmel. Schnell wird es kühl am Abend und Nebel zieht auf. Die Herbstfeste werden fröhlich gefeiert, Erntedankfest in der Kirche und natürlich landauf landab, die Kirmes. Dann der Martinstag mit Lampionumzug und schon steht auch der Advent vor der Tür mit großen und kleinen Türchen. Die Süßigkeiten in den Kaufmärkten erinnern schon seit langem daran, dass es auch in diesem Jahr wieder Weihnachten wird. Den frühesten Hinweis auf Weihnachten gibt es aber schon im Juni, noch vor den Süßigkeiten. Zu Mittsommer am 21. Juni feiern Christen den Johannistag. Der wird auch „Sommerweihnacht“ genannt und teilt das Jahr in der Mitte. Durch die Angabe im Neuen Testament, dass Johannes des Täufers ein halbes Jahr vor Jesu geboren wurde, kommt da schon Weihnachten ins Spiel. Zum Zeitpunkt des größten Abstandes wird das größte Fest wach gerufen. Auch Johannes selbst sieht sich als Vorläufer von Jesus und predigt Buße, innere Umkehr und Vorbereitung auf die Geburt Gottes. So beginnt es auch bei Eckhart: Mit der Selbstwahrnehmung. Buße ist ein altes Wort und bedeutet, dass mir mein immer nur zweckgerichtetes Denken und Tun bewußt wird. Von dieser egozentrischen Selbstbezogenheit und einseitigen Verzweckung meines Lebens aber soll ich lassen. Meister Eckhart sagt: „Nimm dich selber war, und wo du dich findest, da lass dich (los), das ist das allerbeste.“
Dass die beliebten Weihnachtssüßigkeiten schon immer so zeitig im Jahr angeboten werden, würde Eckhart nicht stören, im Gegenteil: Nur zu, würde er sagen, denn Weihnachten ist immer und ohne Weihnachten ist nichts!“ Zugegeben, ohne Weihnachten kein Ostern und kein Pfingsten, kein Fasching bis Aschermittwoch, kein Johannistag, kein Reformationstag und kein Martinstag mit Martinshörnchen; und Advent mit Nikolaustag auch nicht und keine Weihnachtsmänner und keine Sternsinger. Aber Weihnachten immer, auch im Sommer? Ist auf der Südhalbkugel der Erde jedenfalls kein Problem, auch bei sommerlichen Temperaturen und ohne Schnee. Die Geburt Gottes ereignet sich das ganze Jahr über und ohne sie gäbe es kein Christentum und keine Auferstehung mit der Hoffnung auf das ewige Leben in Gottes himmlischer Wirklichkeit. In jedem Augenblick unserer Wirklichkeit geht es genau darum: Um Gottes Gegenwart im Leben. Das ist nicht nur für Christinnen und Christen rund um den Globus von zentraler Bedeutung. Aber Weihnachten ist für alle Menschen das schönste Fest. Mit Recht, so Eckhart, denn wir alle sind Gottes Kinder. Er stellt die Geburt Gottes in den Mittelpunkt seiner philosophischen Theologie. Diese Geburt geschieht zu allererst durch eine Frau namens Maria, die den Menschensohn Jesus zur Welt bringt, sodann aber auch in jedem Menschen selbst, sagt Eckhart. Das Gebären ist das Herausgehen des Lebens von Gott, sein Wirken in der Welt, dass unsere Wirklichkeit schafft und erhält. Das permanente Schaffen und Wirken, ja Gebären Gottes lässt die Welt leben. Das Wunder des Lebens, seine heilige Dimension wird in und an jedem Menschen offenbar. Gott wohnt jedem Atemzug, jeder Lebensäußerung der Kreaturen und jeder Existenz von Dingen in der Welt inne. Wenn aber der Mensch bei sich im Herzen für Gottes Wirken und Gebären keinen Platz lässt, gibt es Krieg. So war schon immer, wenn das Kreuz nur äußerlich auf Fahnen und Emblemen vorangetragen wurde.
Die Pandemie und neue Kriege in der Welt verändern unsere Lebenshaltung. Hygieneregeln spielen eine größere Rolle und die Sehnsucht nach Frieden ist stark wie nie. Das Lesen und die Bewegung an frischer Luft haben für viele an Bedeutung gewonnen. Jetzt im Herbst und dann im Frühjahr und Sommer werden wieder viele auf dem Nessetal-Radweg und den anderen Radwegen der Radpilgerroute Meister Eckhart durch das Thüringer Kernland unterwegs sein. In den Kirchen am Weg können sie auftanken und zur Ruhe kommen. Auch an den Pilgerstationen, wo Kunstwerke zu Betrachtung und Nachdenken einladen. Offenheit und Staunen soll mit dabei sein, wo sonst im Alltag mehr Gewohnheit herrscht.
Weihnachten ist Geburt und Wahrnehmen des göttlichen Wunders des Lebens im Menschen. Er ist zusammen mit der ganzen Schöpfung dazu berufen, in die Ganzheit der Liebe und die Gemeinschaft mit Gott zurückzukehren. Das neue Leben beginnt mit einem neuen zur-Welt-kommen, und gleichzeitig einem Zurückgebähren in Gottes Liebe durch Dankbarkeit und Lob. Mit der Geburt des Gotteskindes wird auch die Gotteskindschaft aller Menschen als Schwestern und Brüder Jesu offenbar. Das Leben wird geheiligt. Nach Eckhart muss der Versuch des Menschen, Gottes Willen aus eigener Kraft zu erfüllen, um damit Gnade und Frieden zu erlangen, scheitern. Vielmehr geht es um die Rückkehr des Menschen aus dem Gefängnis seiner Selbstbezogenheit und Zweckorientierung zum reinen kindlichen Unwissen und Urvertrauen, bei dem Gott in der Seele Platz findet und er in sie eingeht. Ausgehend von „Un-Heimlichkeit“ – wörtlich dem „nicht zu Hause sein“, ist es Eckharts Bestreben, zu zeigen, dass der Mensch wieder zu einer Verbindung und Vereinigung im Sinne von „Ver-Heimlichung“ bei Gott gelangen kann. Denn der Mensch ist von Gott, er ist heilig. Alles, was den Menschen umgibt, das Leben selbst zusammen mit der ganzen Schöpfung der Natur ist heilig. Der Lambarene-Arzt und Theologe Albert Schweitzer spricht von der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die auch Antrieb und Motto für seine Arbeit ist. In der von ihm gegründeten Krankenstation, heute einem modernen Krankenhaus mit Kinderklinik und Geburtenstation in Gabun, Zentralafrika, hat er vielen Menschen geholfen und sie geheilt. Er war davon überzeugt, Gott wirkt und ist selbst das Leben, Leben ist seine „Wirk-Lichkeit“. Als Sprachgenie und Poet hat Eckhart selbst dieses Wort kreiert, wobei sich der Bedeutungsgehalt heute verschoben hat, wie z.B. auch bei seinen Wortschöpfungen Gelassenheit und Bildung im Mittelhochdeutschen. Die Wirklichkeit Gottes erneuert sich ständig und ist im Fluss. Das Gott in allem wirkt und schafft und damit allem erst einen Sinn gibt, drücken in anderer Weise die von unbekannter Hand geschriebenen Worte auf dem Nessetalradweg in der Nähe des alten Goldbacher Bahnhofs aus: „Alles ist Kunst …“. Es sind die Worte eines der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler, Joseph Beuys. So wie ihn beeinflussen Eckharts Gedanken heute, 700 Jahre später, neben Philosophen (Heidegger, Husserl, Freud, Fromm, Henry, Derrida …) und Theologen (u.a. Karl Rahner, Dorothee Sölle) auch Schriftsteller wie Rilke, Musil, Celan, Fosse sowie bildende Künstler und Komponisten (John Cage, Morton Feldman). Der Satz von Beuys geht noch weiter: „… und jeder Mensch ist ein Künstler!“ Das ist das Entscheidende. Es geht auch Beuys immer um den Menschen. Jeder Mensch ist ein Künstler, er oder sie – jeder ist ganz und gar einzigartig und hat eine unverwechselbare Würde! – Jeder ist ein Kind Gottes, von ihm, dem größten Künstler geschaffen und gewollt und geliebt, würde Eckhart sagen. Die Menschenwürde hat ihren tiefsten Grund in der göttlichen Natur jedes Menschenkindes – jeder und jede ist Geschwisterkind des Kindes in der Krippe: Menschensohn, einer der frühesten Titel, der Jesus zugeschrieben wurde (82 Mal im Neuen Testament) und den er selbst, wie es die Evangelien überliefern, in der 3. Person benutzt. Die weiße Farbe der Buchstaben des Beuys-Zitates auf dem Asphalt der des Nessetal-Radweges verblasst seit einiger Zeit, sie muss im nächsten Jahr wieder aufgefrischt werden …
